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"Adolescence" auf Netflix: Warum du die Nr. 1-Miniserie sehen musst

Adolescence Produktionsstandbild | © Netflix
"Adolescence" schaffte es innerhalb kurzer Zeit auf Platz 1 der Netflix-Charts.
© Netflix

Es gibt Serien, die man schaut, genießt und dann wieder vergisst. "Adolescence" gehört nicht dazu. Sie ist intensiv, beunruhigend und stellt Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die britische Miniserie zwingt uns hinzusehen – und auszuhalten.

Dieser Artikel enthält Spoiler zur Handlung. Doch auch mit Vorwissen bleibt die Serie fesselnd.

Ein filmisches Meisterwerk ohne Ausweg

Die Serie, die aktuell die Netflix-Charts dominiert (international auf Platz 1), ist ein filmisches Experiment: Vier Folgen, jede als One-Shot inszeniert. Keine Schnitte, kein Entkommen für Figuren oder Publikum. Die Kamera bleibt unbarmherzig dran – jede Mimik, jede Regung zählt.

Regisseur*innen setzen diese Technik selten ein, weil sie eine enorme Herausforderung darstellt – für die Schauspieler*innen, für die Inszenierung, für das Publikum.

Doch hier funktioniert sie perfekt: Keine Sekunde dürfen wir blinzeln, kein Perspektivwechsel erlöst uns aus der klaustrophobischen Intensität. "Adolescence" lässt keinen Raum für Distanz – und genau das macht den Horror dieser Geschichte so greifbar.

 

Um was geht es in "Adolescence"?

Die britische Inszenierung erzählt die Geschichte des 13-jährigen Jamie Miller, der beschuldigt wird, eine Mitschülerin ermordet zu haben. Der Anfang wirkt fast kafkaesk. Man klammert sich an seine Unschuld – weil er ein Kind ist, weil er harmlos wirkt, weil wir es gewohnt sind, Jungen in Schutz zu nehmen. Doch dann: die Beweise. Die erdrückende Last der Indizien.

Ich ertappe mich dabei, einen Zweifel zu hegen, obwohl das Beweisvideo eindeutig zeigt, dass Jamie das Mädchen tatsächlich ermordet hat. Die Serie geht nicht so sehr auf die juristische Dimension der Tat ein, als eher auf die seelischen Trümmer, die sie hinterlässt. 

Jamie, gespielt vom Newcomer Owen Cooper, changiert zwischen Verzweiflung, Arroganz und völliger Gefühllosigkeit. Seine Performance ist erschreckend glaubwürdig.

An seiner Seite: Stephen Graham als sein Vater, der nicht nur verzweifelt um seinen Sohn kämpft, sondern auch stellvertretend für eine Generation von Männern steht, die nicht verstehen, welchen Einfluss sie auf ihre Söhne haben.

Genau wie ich anfangs klammert sich Jamies Vater an dessen Unschuld. Aber je tiefer wir in die Geschichte eintauchen, desto deutlicher wird: Er selbst ist eine tickende Zeitbombe.

Jamie? Fast unbeteiligt. Die dritte Episode, die sich intensiv mit seinem psychologischen Zustand und den Mechanismen hinter seiner Tat beschäftigt, macht den Höhepunkt der Serie aus.

In der beklemmenden Untersuchung durch eine psychologische Gutachterin behauptet er, nichts falsch gemacht zu haben – ja, er geht sogar so weit zu sagen, er hätte es noch schlimmer treiben können. Und die Art, wie er mit der erwachsenen Frau spricht, schnürt mir die Kehle zu.

 

Was will uns "Adolescence" sagen?

Dass "Adolescence" so realistisch wirkt, liegt nicht nur an der Inszenierung und den starken Darstellungen, sondern vor allem an der Präzision, mit der sie die subtile, aber allgegenwärtige Gewaltkultur entlarvt, in der junge Männer aufwachsen.

Jamie ist kein geborener Psychopath, kein Einzelfall. Er ist ein Produkt seiner Umgebung.

Die Serie zeigt, wie sich toxische Narrative in den Köpfen junger Männer festsetzen – schleichend. Über Familie, Freundeskreise, über das Internet.

Ein Freund gibt einem anderen ein Messer – nicht als Angriff, sondern als Mittel zur Machtdemonstration. Es ist erschreckend, wie normal das alles inzwischen erscheint.

 

Das Ende von "Adolescence"

In der finalen Episode wird die emotionale Zerrissenheit der Familie Miller besonders deutlich. Ein entscheidender Moment ist, als Jamie seinen Vater aus der Haft anruft und mitteilt, dass er sich schuldig bekennen wird. Mit seinem Schuldeingeständnis reißt Jamie die Familie aus ihrer Verdrängung – ein Moment bitterer Klarheit.

Jamies Vater Eddie und seine Frau kämpfen mit Schuldgefühlen und der Frage, ob sie durch mangelnde Kontrolle über seine Online-Aktivitäten zu seiner Radikalisierung beigetragen haben.

Sie erkennen, dass sie ihm möglicherweise zu viel unüberwachte Zeit im Internet ermöglichten – eine gefährliche Leerstelle, die ihn empfänglich für toxische Inhalte machte.

Die Serie endet mit der Darstellung der tiefen emotionalen Narben, die Jamies Tat hinterlassen hat. Bei mir laufen die Tränen.

 

Warum heißt die Serie "Adolescence"?

Der Titel der Serie, "Adolescence" (zu Deutsch: Jugendalter oder Pubertät), ist mehr als eine bloße Altersreferenz. Er steht für die Übergangsphase vom Kindesalter ins Erwachsenenleben, in der Identität, Moral und gesellschaftliche Einflüsse aufeinandertreffen – oft mit fatalen Konsequenzen.

Gerade in dieser verletzlichen Zeit sind Jugendliche besonders anfällig für Ideologien, die ihnen scheinbar klare Antworten auf komplexe Probleme bieten. Diese Thematik greift die Serie auf.

 

Was bedeutet "Incel"?

Der Begriff taucht in der Serie mehrfach auf. Incel steht für involuntary celibate (unfreiwillig zölibatär).

Incels sehen sich als Opfer eines Systems, das ihnen sexuelle Aufmerksamkeit verweigere, und entwickeln daraus ein tiefsitzendes Feindbild gegenüber Frauen. Einige bleiben bei verbitterten Online-Diskussionen, andere radikalisieren sich.

 

Was bedeutet "blue pill" / "red pill" in diesem Zusammenhang?

In der Serie wird auch von de Begriffen "blue pill" und "red pill" gesprochen. Diese Metapher stammt aus dem Film "Matrix", in dem Keanu Reeves' Figur Neo zwischen der Einnahme einer blauen Pille, die ihn in einem Zustand friedlicher Unwissenheit hält, und der roten Pille, die ihn zu einer unbequemen, aber erleuchtenden Realität erweckt, wählen muss.

Die Metapher wird in der Incel-Kultur so verwendet:

Die "blue pill" steht für ein Leben in Unkenntnis und Zufriedenheit, während die "red pill" die Akzeptanz einer als unangenehm empfundenen Realität symbolisiert, in der Männer glauben, dass Frauen die Kontrolle über Sex und Beziehungen haben und ihnen den Zugang verwehren.

Das Akzeptieren der "red pill"-Ideologie gilt als Zeichen, dass man die vermeintlichen Wahrheiten über Geschlechterdynamiken erkannt hat.

Warum du diese Serie sehen musst

"Adolescence" ist unbequem, aber wichtig. Sie ist keine Serie, die du nach Feierabend einschaltest, um dich berieseln zu lassen. Sie lässt dich fassungslos zurück.

Eine Kollegin brachte es auf den Punkt:

"In jeder Hinsicht herausragend. Und so viel zum Nachdenken."

Eine andere ließ nur ein Wort da:

"Uff."

In einer Zeit, in der Gewalt gegen Frauen in den Medien oft voyeuristisch ausgeschlachtet wird, legt "Adolescence" den Fokus dorthin, wo er hingehört: auf die Strukturen, die sie ermöglichen.

Auf die Gesellschaft, die Täter schützt und Opfer vergisst.

Auf die Normalität des Schreckens.

Ein Weckruf für Eltern, Pädagog*innen – für uns alle.

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